Gestern spät abends kommen wir zurück nach Wien, nach einem für das Wetter erstaunlich unruhigen Flug, nach einer schrulligen Taxifahrt mit einer urkomischen Lenkerin, finden wir uns in späten nächtlichen Gesprächen mit dem Sohn, den ich versuche zu überreden, Rumänisch zu lernen und dorthin auszuwandern, in ein Land im Aufstieg, in ein aufstrebendes, zukunftsreiches Land, in dem ich sofort leben wollte, in dem ich mich gleich zu Hause gefühlt habe, in dem ich wahrscheinlich auch irgendwie zu Hause bin.
Abend in Hermannstadt, viel zu viel gegessen, getrunken, heißer Sex mit meinem Mann bei offenen Fenstern, warme Luft berührt meine Haut, fröhliche Stimmen dringen ins Zimmer, Gläser klirren vom Restaurant unter uns, oder vom Kaffeehaus darüber, die Stadt ist in Etagen angelegt, verwinkelt, verschachtelt, klein genug, dass man sich nicht verirren kann, groß genug um immer wieder Neues zu entdecken. In der Nacht wache ich auf, lausche den Gesprächen junger Leute auf den ältesten Stiegen der Stadt, unter unserem Fenster, die einander in gebrochenem Englisch erzählen woher sie kommen, Flirt, Gelächter, Gekicher, und die Gedanken an die schlechten Zeiten dieser Stadt wische ich weg, heute ist kein Platz dafür, und ich falle in einen zufriedenen, tiefen Schlaf und fühle mich angekommen.
Noch ein Tag in Hermannstadt, Ausstellungen ansehen, die Stadt hat aufgerüstet für ein Rockkonzert, eigentlich für mehrere Konzerte auf den großen und kleinen Plätzen. Wir bemerken, dass der junge Mann aus der Rezeption, mit dem ich die ganze Zeit englisch gesprochen habe, deutsch spricht, und zwar das gleiche deutsch wie meine Großmutter. Ich soll fragen für Sie, in dem Restaurant, ob noch Platz ist heute Abend, sagt er und geht uns voraus die Stiegen hinunter in ein Kellerlokal, “Ich soll”, so hat es meine Omi auch immer gesagt. Kein Platz, und er rät uns zu einem anderen Restaurant, Hermania, ein deutsches, mit (volks)deutschen Spezialitäten, große klobige Möbel in einem hohen, großzügigen Raum. Schmalz als Vorspeise, ich weiß genau, das wird unangenehme Folgen haben, aber es ist es mir wert, heute Abend, an unserem letzten Abend in Hermannstadt, denke ich nicht an Folgen. Schwer liegt das Essen im Magen, schwer und wohlig, und sofort falle ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich kurz nach Mitternacht erwache, um die nächsten Stunden auf der Toilette zuzubringen. Ich habe es gewusst, es war es mir wert, und ich bin nicht unzufrieden, nicht unglücklich, ich warte einfach, bis es vorbei ist, und genieße die restliche Nacht, die Laute einer kleinen Stadt, noch nicht ganz in unserer Zeit angekommen, und doch nicht von gestern.
Am nächsten Tag verlassen wir Hermannstadt, fahren in Richtung Fogarasch. Ich bin gespannt, und natürlich bleibt die große Enttäuschung nicht aus. Fogarasch ist ein schreckliches Kaff, ein nichtssagender Platz umgeben von teilweise renovierten, teilweise verkommenen Gebäuden, eine alte Burg, umringt von schmutzigem Wasser, die Baustelle einer überdimensionierten Kirche, die offenbar bereits seit vielen Jahren still steht, nur das Gymnasium, das mein Vater besucht hat, kommt mir irgendwie bekannt vor. Immerhin ist der Kellner im einzigen Café am Platz süß, schmale braune Augen leuchten verschmitzt in einem jungen Gesicht, sein Mund, geschmückt von noch unfertigem Bartflaum, lacht uns ohne jede Habgier und Falschheit an und zeigt makellose Zähne, und er nimmt kein Trinkgeld und verabschiedet uns freundlich, als wir nach kurzer Zeit wieder aufbrechen. Kein Déjà-vu, keine Erleuchtung, kein Wiedererkennen, und ich verstehe, warum mein Vater die nächste Gelegenheit ergriffen hat, von dort wegzukommen.
Weiter geht´s nach Kronstadt, großspurig wie ihr Name hockt diese Stadt an einem Berghang, ein bisschen wie Graz, das Graz von Rumänien, aber (noch) ungepflegt, viele Häuser nicht oder nur wenig renoviert, ist alte Pracht erkennbar, früherer Reichtum spürbar, im Auftreten der Menschen, hier liegt eine gewisse Arroganz in der Luft, ich habe das eine oder andere Déjà-vu, ich erkenne das Rathaus, die schwarze Kirche, das Restaurant Karpatenhirsch, wo mein Vater seine Hand auf die der schönen Kellnerin gelegt hat, der große Platz, wo mich ein Mädchen meines Alters damals freundlich angelacht hat. Schrill herausgeputzte junge Frauen und vor Kraft strotzende junge Männer stolzieren die Einkaufsstraße entlang, dazwischen sehe ich auch die Kehrseite, alte Menschen ohne Zähne, ungepflegt, abgearbeitet, die hier wahrscheinlich etwas zu essen suchen, Geschäfte wie überall in Europa, die gleichen Marken, die gleichen Statussymbole, aber so viel mehr Kontrast als man ihn finden kann in London, Brüssel oder einer anderen mitteleuropäischen Stadt.
Ohne Bedauern verlassen wir diese großspurige kleine Stadt, die sich mit altem, längst sinnlos gewordenem Glanz schmückt, und wenden uns in Richtung Bukarest. Wieder müssen wir die Karpaten überwinden, die Straße führt uns nicht ganz so hoch hinauf, durch Dörfer, überlaufen wie Schigebiete bei uns, dann windet sich die Straße durch hügelige, liebliche Gegenden, die Ortschaften werden kleiner, teilweise ärmer, abgelegen, streckenweise ist die Straße voller Schlaglöcher, manchmal ist nur Schritttempo möglich, aber es ist es wert. Freundlich sind die Menschen überall, wir kaufen Käse irgendwo am Straßenrand, vor einem atemberaubenden Panorama, ich fotografiere ein schmusendes Liebespaar, was gäbe ich, dürfte ich solche Verliebtheit nochmals erleben. Wir kommen durch Straßendörfer, vor jedem Haus steht eine Bank heraußen, Menschen sitzen dort und betrachten die vorbeikommenden Autos, wie bei uns in früheren Zeiten.
Die Straßen werden besser, die Dörfer länger, die Gegend ebener, wir nähern uns der Hauptstadt, von der unsere Reise ihren Ausgang nahm. Ein Abend und ein Tag in Bukarest liegen noch vor uns, und in unserem mit Klimaanlage versehenen Auto ahnen wir nicht, wie sich die 38C anfühlen, die es draußen hat.
Bukarest, wir wohnen in einem Design-Hotel, perfekte geradlinige kühle Gestaltung in hellen Farben, sauber, klinisch und doch voller Atmosphäre. Die freundliche Rezeptionistin, genauso typisch Rumänisch wie die meisten anderen, dunkelhaarig, zart, von antiker Anmut, empfiehlt uns ein Restaurant für den Abend.
Das Restaurant wurde 1879 gegründet und braut eigenes Bier. Eine riesige Halle, holzgetäfelt, mit Verzierungen wie Bauernmalerei, es ist so, wie die Rumänen sich damals Europäischen Prunk vorgestellt haben. Sie wollten unbedingt Europäisch sein, elegant, gewandt, und diese etwas unbeholfene Eleganz ist noch immer präsent. Wie auf Bildern um die Jahrhundertwende stehen elegant gekleidete Frauen, heute mit viel Glitzer und engen, kurzen Kleidern, und Männer in dunklen Hosen und weißen Hemden, am Geländer des Balkons im ersten Stock und schauen auf die Show-Darbietungen, die im Erdgeschoss stattfinden. Wir schauen auch zu, ich eher um die Gäste zu beobachten, ertappe ich mich doch dabei, meine Bauchtasche, die ich auf Reisen immer statt einer Handtasche verwende, zur Musik mitwippen zu lassen. Sonst unbewegt kann ich sie im Rhythmus der Musik auf und ab oder zur Seite gleiten lassen, das ist eine Fähigkeit, die ich mir beim Bauchtanz erworben habe, und ein junges Mädchen am Nebentisch lacht mich an und ruft herüber “very nice, very nice”. Ich lache zurück, lass mir das Bier schmecken, das traditionelle Rumänische Essen, das ich von meiner Omi so gut in Erinnerung habe, und als wir gehen, ertönt gerade ein Walzer und mein Mann und ich können nicht widerstehen und tanzen gekonnt zu den Walzerklängen in Richtung Ausgang.
Bukarest bei Nacht. Heiß, schwül, lebendig, eine unglaubliche Fröhlichkeit liegt in der Luft, Menschenmassen wälzen sich durch alte Straßen, vollbesetzte Gastgärten laden zum Verweilen, wir lassen uns treiben vom Strom der vorwiegend jungen, schönen Menschen, stimmen ein in deren Gekicher, Gelächter, bleiben hängen in einem Gastgarten, wieder ein typisch Rumänisches Mädchen bedient uns mit ehrlicher Freundlichkeit, wir kommen ins Gespräch, graugrüne Augen lachen mich an mit aufrichtiger Offenheit. Das Designhotel können wir nicht wirklich genießen, wir fallen unverzüglich in einen tiefen ungestörten Schlaf in einem perfekt klimatisierten Zimmer, fern der Schwüle und Lärmkulisse dieser erstaunlichen Stadt.
Dann noch ein Tag, die Zeit bis zum Abflug am Abend muss genutzt werden, die Straßen von gestern sehen heute längst nicht so verführerisch aus. Wie überall wechseln sich auch hier gut renovierte mit verfallenden oder bereits verfallenen Gebäuden ab, sind die Straßen, auf denen gestern Nacht elegante Frauen in Stöckelschuhen stolziert sind, nicht einmal asphaltiert oder gepflastert, suchen wir den spärlichen Schatten. Wir bewundern den Palast von Ceauşescu, der heute das demokratische Parlament und zahlreiche Ministerien beherbergt, unglaublich monströs, unglaublich hässlich, das zweitgrößte Gebäude der Welt. Breite künstliche Prachtstraßen, gleich daneben, dahinter Wohnhäuser in schlechtestem Zustand, bewohnt, benutzt, unglaublich die Kontraste, und doch lächelnde Gesichter und Freundlichkeit überall.
Ich weiß, es war nicht mein letzter Besuch in Rumänien. Ich komme wieder, ich bleibe länger, und ich kann die Sprache besser, beim nächsten Mal. Salud, Romania.
Tweet This Post