Das Familienleben hat eine neue Qualität erreicht. Der Haushalt ist betreut, mein Mann ist entspannt und gut gelaunt, und der Mensch, der mir in diesem Leben am nächsten ist, raunt mir zwischendurch zu “es ist erstaunlich angenehm hier, seit er in Pension ist”. Noch immer lauert die Angst, wann sich das alles wieder ändert, wann der nächste Konflikt aufbricht. Ich schiebe den Gedanken weg.
Wann treffen wir uns wieder “richtig”, fragt mein Herr. Das frage ich dich, sage ich. Ich habe einen Vortrag in der kleinen Stadt, in der es auch einen Raum gibt, von dem niemand je erfahren wird. Diesmal ist dafür leider keine Zeit, vielmehr ist es eine angenehme Überraschung, dass wir Zeit für ein kurzes Treffen gefunden haben. Mein Herr hat einen Termin in der Nähe und eigentlich erwartet, dass er am späten Nachmittag, wenn ich mit meinem Vortrag fertig bin, längst wieder zurück sein würde in seinem Büro. Dann dauert seine Besprechung doch länger und es geht sich genau aus, dass er zu der Zeit in der kleinen Stadt vorbei kommt, in der ich mit meinem Vortrag fertig bin. Es geht sich sogar so genau aus, dass ich nur ein paar Minuten warte, bis er an unserem Treffpunkt eintrifft, und ich springe in sein Auto wie schon so oft früher, mit Schmetterlingen im Bauch wie am Anfang unserer Bekanntschaft. Aber wir gehen vorsichtiger miteinander um, kein Kuss, keine heiße Berührung, es könnte uns jemand sehen, oder es könnte uns zu nahe gehen und danach würde uns unser “normales” Leben wieder schwerer fallen, und darum tun wir, als wären wir einfach sehr gute Freunde.
Wir sitzen in einem McDonalds und trinken Kaffee und führen unsere Gespräche, amüsant und vertraut wie immer. Verstohlen sehe ich in sein Gesicht und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich ihn noch immer verehre und begehre und wie sehr ich ihn mag, genau wie am Anfang. Wir vereinbaren einen Termin für ein “richtiges” Treffen sehr lose und ungenau, und ich befürchte schon jetzt, dass er sich wieder nicht befreien wird von den Pflichten des Berufs, dass er es aufschiebt und dass wir uns irgendwann wieder “richtig” treffen, irgendwann. Ich lass mir die Enttäuschung nicht anmerken und die Sehnsucht, um ihn nicht zu bedrängen und unter Druck zu setzen und akzeptiere alles, solange er nur in meinem Leben bleibt.
Dann finde ich zurück in das fast heile Familienleben und wir verbringen das Wochenende mit Vorbereitungen für unser großes Fest nächste Woche, zu dem wir alle Freunde eingeladen haben, die wir kennen, alle Freunde und keine Familie. Wir suchen Fotos zusammen und ich lasse unser Leben an mir vorüberziehen. Ich kann es kaum glauben, dass diese schöne, stark und gesund aussehende Frau mit den dichten gewellten dunkelbraunen sehr langen Haaren ich gewesen sein soll. Man sieht sogar ein Sixpack wo ich damals viel zu viel Bauch vermutet habe, und auf den Fotos sehen wir aus wie ein glückliches und ideales Paar und später wie eine glückliche und perfekte Familie. Natürlich, die Fotos sind immer dann entstanden, wenn wir entsprechend gelaunt waren, und wenn ich rückblickend das Gefühl habe, ich wäre immer nur unglücklich gewesen, es wäre mir immer schlecht gegangen, ich wäre immer unter unglaublichem Druck gestanden und eigentlich meistens depressiv gewesen, dann müssen wir die wenigen winzigen Zeitlöcher erwischt haben, in denen es nicht so war. Oder ich sehe die Vergangenheit anders als sie wirklich war, nicht verklärt wie es die Menschen sonst meistens tun, sondern verdunkelt und umwölkt.
Ich sehe Bilder von Familienfesten, an denen, von außen betrachtet, in Zuneigung und Eintracht gesungen und getanzt wurde, scheinbar unbeschwerte Urlaube, ein Foto in enger Umarmung mit Kingsley, das mein Mann gemacht hat. Ein Bild, auf dem ich meinen damaligen Musikpartner mit bewunderndem Blick ansehe, was den Tatsachen wahrlich nicht entspricht. Einen frisch und originell aussehenden jungen Mann mit heller Haut und rötlichem Haar, der mein in Wirklichkeit immer unter Druck stehender, ungeduldiger und nervöser Ehemann war. Ich sehe einen genießerisch wirkenden Lebemann, den ich in Wirklichkeit als cholerischen, jähzornigen und spießig strengen Vater in Erinnerung habe und eine souverän ernst wirkende Mutter mit aufwändig frisiertem prachtvollen weißen Haar, die in Wahrheit ein Leben lang ein unsicheres Kind aus sehr armen Verhältnissen war und ihre große Unsicherheit hinter einer damenhaft vornehmen Fassade versteckt hat. Ich sehe ein ungezügelt fröhliches Kind mit hellem blonden Haar, schlank und gesund, neugierig auf alles und interessiert an allem, heute ein etwas übergewichtiger und manchmal sehr trauriger junger Mann mit dichtem, nichtssagend dunkelblondem Haar. Ich sehe Hunde, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, Katzen, mit denen wir später gelebt haben, das kluge Meerschweinchen, das viel zu kurz gelebt hat. Ich fühle mich auf der einen Seite berührt, auf der anderen erstaunt mich selber, dass ich meine Familie so leicht aufgegeben habe, mich von altem immer wieder leicht getrennt habe. Das Atelier im Zentrum der Stadt, die Wohnung, in der wir über fünfundzwanzig Jahre verbracht haben, Zeug, Dinge, Sachen, an denen mir gelegen war und derer ich mich doch so leicht entledigt habe. Was für ein Sinn steckt dahinter, hinter diesem ganzen Theater, das wir Leben nennen? Plötzlich sehe ich mich und alles von außen, als fast neutraler Beobachter, und ich hoffe, dass ich einmal genauso mühelos alles hinter mir lassen kann, wenn die Zeit kommt. Und dass ich einmal erfahre, welchen Sinn das alles hat.
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